
Über HistoVeaR
Geschichte zum Anziehen
Wie wir historische Kleidung in Virtual Reality erlebbar machen.

Kleidung ist immer ein Spiegel der Zeit. Sie kann schnelllebig sein, vielfältig und verrät unglaublich viel darüber, wie Menschen in der Vergangenheit gelebt haben. Historische Kleidung ist deshalb ein echter Schatz – ein Fenster in eine andere Welt. Aber es gibt ein Problem: Über die Jahre zersetzen Sauerstoff, Licht und Mikrobakterien die alten Stoffe. Um das zu verhindern, wird dieser Schatz in Museen und Sammlungen besonders geschützt. Interessierte Besucher*innen können sich kaum vorstellen, wie diese Kleidung getragen und in Bewegung ausgesehen hat.
Die meisten erhaltenen Stücke sind extrem empfindlich. Sie müssen unter speziellen Bedingungen gelagert und dürfen auf keinen Fall getragen werden. Das ist verständlich, aber es geht etwas Wichtiges verloren: das Gefühl. Wie fühlt sich der Stoff an? Wie fällt er? Wie bewegt man sich darin? All das, was Kleidung eigentlich ausmacht – das Zusammenspiel mit dem menschlichen Körper – geht verloren.
Unser Projekt, HistoVeaR, setzt genau hier an.
Wir holen die Kleidung aus der Vitrine und den Kartons der Museumsdepots – und zwar digital. Unser Ziel ist es, historische Kleidungsstücke auf Basis von originalen Objekten und ihren Materialeigenschaften technisch in 3D zu rekonstruieren, zu animieren und in Virtual Reality (VR) zum Leben zu erwecken.
Was ist ein „Digitaler Zwilling“?
Wir erstellen nicht einfach nur ein 3D-Modell. Wir erschaffen einen „digitalen Zwilling“. Das bedeutet, wir nehmen alles, was das Kleidungsstück ausmacht – den Schnitt, die Art des Materials und seine physikalischen Eigenschaften (wie steif, schwer oder elastisch ist es?) – und bauen es digital nach.
Das Besondere daran: Dieser digitale Zwilling soll in Echtzeit auf die Bewegungen von Nutzer*innen reagieren. Wenn Sie in der VR einen Arm heben, soll der Ärmel aus Seide oder schwerem Samt genauso authentisch fallen und Falten werfen wie das Original.
Das Beste daran: Wir wollen, dass dieser Prozess einfach wird. Unser Ziel ist ein Toolset, das jeder bedienen kann, ohne tagelange Handarbeit. Ein Werkzeug, das es Forscher*innen, Museen und Kreativen leicht macht, ihre Objekte lebendig werden zu lassen.
Problemstellung & Zielsetzung
Falten sind unberechenbar – Warum digitale Kleidung technisch so knifflig ist
Warum sehen (historische) Kleidungsstücke in vielen Computerspielen und Filmen oft so steif oder „falsch“ aus? Die kurze Antwort: Weil Kleidung unglaublich kompliziert ist. Und genau das ist die Herausforderung, der wir uns stellen.
Das komplexe Verhalten von Stoffen ist für Algorithmen ein Albtraum. Wie ein Stoff fällt, welche Falten er wirft und wie er auf Licht reagiert, ist von vielen Faktoren abhängig. Bisher war es oft leichter, das Ganze zu vereinfachen. Wenn Kleidung nicht authentisch dargestellt wird, spart das zwar Rechenleistung, kann aber im schlimmsten Fall ein verzerrtes Geschichtsbild vermitteln.
Unser zentrales Ziel ist es, einen Workflow für digitale Kleidung zu entwickeln, die realistisch ist und in Echtzeit funktioniert. Um das zu schaffen, müssen wir vier große Herausforderungen knacken:
1. Die Digitalisierung: Wie bekommen wir den genauen Schnitt und vor allem die „Mechanik“ des Stoffs in den Computer? Wie können wir das Kleidungsstück scannen, so dass alle Lagen, Schichten und Zusätze fehlerfrei in Bits und Bytes übersetzt werden? Zusätzlich müssen wir die physikalischen Eigenschaften messen – wie dehnbar, steif oder schwer ist das Material? Die größte Hürde: Das Ganze muss passieren, ohne die fragilen Originale im Museum zu beschädigen. Normale Testmethoden, bei denen man Stoffstreifen teil-scannt, einspannt oder zerreißt, sind absolut tabu.
2. Die Optik: Damit die Kleidung echt aussieht, müssen wir ihr Aussehen exakt einfangen. Das ist bei historischen Stoffen oft extrem knifflig. Denken Sie an stark glänzende Seide, tiefen Samt, der das Licht schluckt, durchsichtige Schleier oder das komplexe Zusammenspiel mehrerer Stofflagen übereinander. Das alles realistisch zu visualisieren, bringt heutige Systeme und Methoden an ihre Grenzen.
3. Die Echtzeitsimulation: Es nützt nichts, wenn die Simulation schön aussieht, aber eine Minute zum Berechnen braucht. In Virtual Reality muss alles sofort passieren. Der Stoff muss sich flüssig und physikalisch korrekt verformen, während das System gleichzeitig permanent prüft, wo der Körper der Nutzer*innen (der Avatar) ist. Die Kleidung darf nicht durch den Körper hindurchfallen und gleichzeitig sollen mehrere Schichten (Stichwort: Unterrock) von Kleidung auch zu einem passenden Faltenwurf führen.
4. Das Nutzer*innen-Erlebnis: Am Ende nützt die beste Technik nichts, wenn sich die Erfahrung nicht „echt“ anfühlt. Die Herausforderung ist, die Interaktion intuitiv zu gestalten. Wie fühlt es sich an, den digitalen Stoff zu „tragen“? Wie vermitteln wir das Gefühl von Gewicht oder Einschränkung, das diese Kleidung mit sich brachte? Es geht darum, eine Brücke von der reinen Technik zur spürbaren Erfahrung zu schlagen, damit die Nutzer*innen wirklich in die vergangene Zeit eintauchen können.
Zielgruppen
Vom Museum bis zum Blockbuster – Wer profitiert von HistoVeaR?
Okay, wir entwickeln also ein komplexes System, um historische Kleidung digital zum Leben zu erwecken. Aber wer braucht das eigentlich? Die Antwort: erstaunlich viele Leute! Unser Projekt zielt auf drei Hauptbereiche ab, und wir sind sicher, dass noch mehr kommen (wir schauen in Richtung Modebranche).
1. Das Museum: Geschichte neu erleben
Digitalisierung vereinfachen: Die Erstellung von KI-gestützten „Digitalen Zwillingen“ macht den Digitalisierungsprozess viel einfacher und schneller.
Archive verbessern: Langfristig entsteht eine riesige digitale Sammlung, die für die Forschung von unschätzbarem Wert ist.
Vermittlung neu gestalten: Das Wichtigste ist aber das Erlebnis. Besucher*innen können historische Kleidung nicht mehr nur ansehen, sondern in der VR quasi „erleben“. Das ist eine völlig neue Art, Geschichte greifbar zu machen.
2. Der Film: Authentischere Welten
Auch die Filmbranche profitiert enorm, sowohl bei der Vorab-Planung (Prävisualisierung) als auch bei den fertigen visuellen Effekten (VFX).
Realismus: Regisseur*innen und Designer*innen können schon früh sehen, wie ein Kostüm in Bewegung wirklich aussieht.
Einfachere Workflows: Die realistische Simulation von Kleidung wird deutlich vereinfacht.
Authentizität: Historische Filme gewinnen an visueller Qualität, wenn die Kleidung sich endlich so verhält, wie sie sollte.
3. Digitale Spiele: Mehr Realismus, weniger Aufwand
Historische Settings sind in Spielen sehr beliebt, aber auch schwierig umzusetzen.
Gigantische Zeitersparnis: Bisher ist das Erstellen realistischer Kleidung eine Heidenarbeit in 3D-Programmen. Mit unserem Toolset wird dieser Aufwand massiv reduziert und damit die Kleidervielfalt und Realismus in Spielen erhöht.
Perfekt für Game Engines: Unser Fokus auf „Echtzeit“ ist genau das, was Spiele brauchen. Die Modelle sollen direkt kompatibel werden mit gängigen Engines wie Unity oder Unreal.
Bessere Immersion: Wenn die Kleidung der Spielfigur realistisch auf Spieler*innen, Wind oder Bewegung reagiert, tauchen Spieler*innen viel tiefer in die Welt ein.
