Geschichte zum Anziehen


Problemstellung & Zielsetzung

Das komplexe Verhalten von Stoffen ist für Algorithmen ein Albtraum. Wie ein Stoff fällt, welche Falten er wirft und wie er auf Licht reagiert, ist von vielen Faktoren abhängig. Bisher war es oft leichter, das Ganze zu vereinfachen. Wenn Kleidung nicht authentisch dargestellt wird, spart das zwar Rechenleistung, kann aber im schlimmsten Fall ein verzerrtes Geschichtsbild vermitteln.

Unser zentrales Ziel ist es, einen Workflow für digitale Kleidung zu entwickeln, die realistisch ist und in Echtzeit funktioniert. Um das zu schaffen, müssen wir vier große Herausforderungen knacken:

1. Die Digitalisierung: Wie bekommen wir den genauen Schnitt und vor allem die „Mechanik“ des Stoffs in den Computer? Wie können wir das Kleidungsstück scannen, so dass alle Lagen, Schichten und Zusätze fehlerfrei in Bits und Bytes übersetzt werden? Zusätzlich müssen wir die physikalischen Eigenschaften messen – wie dehnbar, steif oder schwer ist das Material? Die größte Hürde: Das Ganze muss passieren, ohne die fragilen Originale im Museum zu beschädigen. Normale Testmethoden, bei denen man Stoffstreifen teil-scannt, einspannt oder zerreißt, sind absolut tabu.

2. Die Optik: Damit die Kleidung echt aussieht, müssen wir ihr Aussehen exakt einfangen. Das ist bei historischen Stoffen oft extrem knifflig. Denken Sie an stark glänzende Seide, tiefen Samt, der das Licht schluckt, durchsichtige Schleier oder das komplexe Zusammenspiel mehrerer Stofflagen übereinander. Das alles realistisch zu visualisieren, bringt heutige Systeme und Methoden an ihre Grenzen.

3. Die Echtzeitsimulation: Es nützt nichts, wenn die Simulation schön aussieht, aber eine Minute zum Berechnen braucht. In Virtual Reality muss alles sofort passieren. Der Stoff muss sich flüssig und physikalisch korrekt verformen, während das System gleichzeitig permanent prüft, wo der Körper der Nutzer*innen (der Avatar) ist. Die Kleidung darf nicht durch den Körper hindurchfallen und gleichzeitig sollen mehrere Schichten (Stichwort: Unterrock) von Kleidung auch zu einem passenden Faltenwurf führen.

4. Das Nutzer*innen-Erlebnis: Am Ende nützt die beste Technik nichts, wenn sich die Erfahrung nicht „echt“ anfühlt. Die Herausforderung ist, die Interaktion intuitiv zu gestalten. Wie fühlt es sich an, den digitalen Stoff zu „tragen“? Wie vermitteln wir das Gefühl von Gewicht oder Einschränkung, das diese Kleidung mit sich brachte? Es geht darum, eine Brücke von der reinen Technik zur spürbaren Erfahrung zu schlagen, damit die Nutzer*innen wirklich in die vergangene Zeit eintauchen können.


Zielgruppen

Vom Museum bis zum Blockbuster – Wer profitiert von HistoVeaR?

Okay, wir entwickeln also ein komplexes System, um historische Kleidung digital zum Leben zu erwecken. Aber wer braucht das eigentlich? Die Antwort: erstaunlich viele Leute! Unser Projekt zielt auf drei Hauptbereiche ab, und wir sind sicher, dass noch mehr kommen (wir schauen in Richtung Modebranche).

1. Das Museum: Geschichte neu erleben

Digitalisierung vereinfachen: Die Erstellung von KI-gestützten „Digitalen Zwillingen“ macht den Digitalisierungsprozess viel einfacher und schneller.

Archive verbessern: Langfristig entsteht eine riesige digitale Sammlung, die für die Forschung von unschätzbarem Wert ist.

Vermittlung neu gestalten: Das Wichtigste ist aber das Erlebnis. Besucher*innen können historische Kleidung nicht mehr nur ansehen, sondern in der VR quasi „erleben“. Das ist eine völlig neue Art, Geschichte greifbar zu machen.

2. Der Film: Authentischere Welten

Auch die Filmbranche profitiert enorm, sowohl bei der Vorab-Planung (Prävisualisierung) als auch bei den fertigen visuellen Effekten (VFX).

Realismus: Regisseur*innen und Designer*innen können schon früh sehen, wie ein Kostüm in Bewegung wirklich aussieht.

Einfachere Workflows: Die realistische Simulation von Kleidung wird deutlich vereinfacht.

Authentizität: Historische Filme gewinnen an visueller Qualität, wenn die Kleidung sich endlich so verhält, wie sie sollte.

3. Digitale Spiele: Mehr Realismus, weniger Aufwand

Historische Settings sind in Spielen sehr beliebt, aber auch schwierig umzusetzen.

Gigantische Zeitersparnis: Bisher ist das Erstellen realistischer Kleidung eine Heidenarbeit in 3D-Programmen. Mit unserem Toolset wird dieser Aufwand massiv reduziert und damit die Kleidervielfalt und Realismus in Spielen erhöht.

Perfekt für Game Engines: Unser Fokus auf „Echtzeit“ ist genau das, was Spiele brauchen. Die Modelle sollen direkt kompatibel werden mit gängigen Engines wie Unity oder Unreal.

Bessere Immersion: Wenn die Kleidung der Spielfigur realistisch auf Spieler*innen, Wind oder Bewegung reagiert, tauchen  Spieler*innen viel tiefer in die Welt ein.