Im Peter-Behrens-Bau in Oberhausen wird unter anderem die Textilsammlung des LVR-Industriemuseum verwahrt. Den Sammlungsschwerpunkt bildet Alltagskleidung, die alle Gesellschaftsschichten und die kleidungsspezifischen Merkmale der jeweiligen Epochen repräsentieren soll.1 Im Zuge des transdisziplinären Projekts HistoVeaR wird historische Kleidung aus dem Sammlungsbestand erforscht, physisch und digital rekonstruiert sowie virtuell animiert. Bisher wurden eine Robe à la française von Ende des 18. Jahrhunderts und ein Abendkleid aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgewählt. Beide Frauenkleider bestehen aus mehreren Bestandteilen und erhalten ihre charakteristische Silhouette erst in Kombination mit entsprechenden Unterkleidern und -konstruktionen, wie Korsett, Hüftpolster, Reifrock oder Krinoline.
Nur vereinzelt gelangen vollständige Kleidungsensembles ins Museum. Mögliche Gründe für die unvollständige Überlieferung sind beispielsweise Scham der ursprünglichen Träger*innen oder ästhetisches Empfinden und Wertzuschreibungen der Sammler*innen. Im Ausstellungskontext werden sowohl die fehlenden Körper als auch die Unterkonstruktionen durch maßgefertigte Figurinen und Unterbauten ersetzt. Dadurch wird die dreidimensionale Wirkung der historischen Kleider für Besuchende erfahrbar. Gleichzeitig stützen Figurine und Unterbau die fragilen Exponate über den Präsentationszeitraum und entsprechen so konservatorischen Anforderungen.2 Für das Forschungsvorhaben ist es notwendig, die Kleidungsensembles möglichst vollständig zu rekonstruieren.



Das Abendkleid aus cremefarbener Baumwolle mit blau eingewebten Farbakzenten gehört zu den wenigen Objekten der Sammlung, bei denen neben dem Kleid auch ein Unterrock und eine Stahlreifenkrinoline erhalten sind. Gleichwohl werfen auch die überlieferten Bestandteile Fragen auf: Wurde das Ensemble ursprünglich in dieser Kombination getragen oder gibt es nachträgliche Ergänzungen? Und welche Bestandteile fehlen möglicherweise? Gegenüberstellungen des untersuchten Abendkleids mit Gemälden, Modekupfern oder vergleichbaren Kleidungsobjekten aus der Zeit um 1850 verdeutlichen gestalterische Parallelen, etwa die spitz zulaufende Taille und den mehrstufige Rock. Unterschiede zeigen sich im Volumen des Rocks, der bei den Vergleichsobjekten deutlich ausgestellter im Hüftbereich scheint. Eine Erklärung dafür könnten sowohl der idealisierende Charakter der Bildmedien als auch das damals nicht unübliche Tragen von Hüftpolstern sein. Dementsprechend wurden unterschiedliche Hüftpolster rekonstruiert und in Kombination mit dem Kleid getestet.








Das älteste Kleidungsobjekt in der Sammlung des LVR-Industriemuseums ist eine Robe à la française, bestehend aus einem Manteau à dos flottant (Mantelkleid mit Faltenpartie im Rückenteil) und einer Jupe (Rock).3 Diese wurde aus einem weißen Baumwollstoff gefertigt, der mit einem großflächigen floralen Muster bedruckt und partiell von Hand koloriert ist. Ein Reifrock verleiht dem Kleid seine typische Form mit seitlichem Volumen im Hüftbereich sowie einer abgeflachten Vorder- und Rückseite. Erst in Kombination mit dem Reifrock entfalteten das gemusterte Gewebe und die Stofffülle ihre Wirkung.
Da zu diesem Ensemble aus dem 18. Jahrhundert weder Unterkleidung noch Unterkonstruktionen erhalten sind, wurden ein historisches Unterkleid und eine zweiteilige Poche (Tasche)rekonstruiert. Das dadurch erzielte Rockvolumen entsprach jedoch nicht der vorhandenen Stoffweite, weshalb ein größeres Demi–Panier (Halber Reifrock) aus Leinen und Metall gefertigt wurde. In Annäherung an die historische Silhouette wurde dieser weiter modifiziert, um ein möglichst stimmiges Gesamtbild zu erreichen.




1 Vgl. Caroline Lerch: Historische Kleidung im Museum: Von Körpern und Kleidern, 26. Oktober 2021. https://zinkfabrikaltenberg.blog/2021/10/26/historische-kleidung-im-museum-von-korpern-und-kleidern/ [Zugriff: 27.05.2026]
2 Vgl. Laurence Becker: Raus aus der Statik – Rein in die Bewegung. Präsentationen von historischer Kleidung in unterschiedlichen Posen. In: Kleider in Bewegung. Frauenmode seit 1850. (Ausstellungskatalog, Historisches Museum Frankfurt), Petersberg 2020, S. 46.
3 Vgl. Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Stuttgart, 6. überarb. Aufl. 2011, S. 425.


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